Im Garten der Frau Josepha

Vor dem gefilterten Sonnenlicht kapituliere meine Handykamera


Frau Jakits, die Chefredakteurin des "Feinschmecker", meint, wir Foodblogger seien "verquatscht" und als Konkurrenz nicht ernst zu nehmen. Nun, jeder hat das Recht darauf, in ignoranter und arroganter Verkennung von Medientrends, dem Auflagenschwund seines Magazins zuzusehen, sein Heil in Preiserhöhung zu suchen, was auch immer.
Mit hat die "Verquatschtheit" der Foodblogger allein in den letzten drei Wochen zwei neue Genuss-Erfahrungen beschert, die ich mit einem Foodmagazin nie entdeckt hätte. Einem Feinschmecker-Tip verdanke ich lediglich den Besuch im schlechtesten 2 Sterne-Restaurant meines Lebens, ausgerechnet in Paris.
Das Hotel Cortisen am Wolfgangsee hab ich schon vorgestellt. Ohne den Tip eines Bloggers meines Vertrauens, wäre ich nie dort hin gefahren. 
Über einen Kommentar von Frau Josepha bei kathas esskultur landete ich auf ihrer Homepage. Das alte, renoviertes Wirtshaus, ein schönes Gästehaus, der Stil, die Speisekarte und das Engagement gefiel mir sehr gut. Die Neugier war geweckt, der Tag war warm und schön - also auf nach Aschach, in den Gastgarten. 
Josepha Hirsch, wie der frühere Traditonsgasthof "Goldener Hirsch" jetzt heisst, liegt an einem kleinen Dorfplatz mit Kapelle, etwas abseits vom Sommertrubel in dem schönen Donaustädtchen Aschach. Der Garten: eine grüne Laube, mit gemütlichen Stühlen, Kiesboden, gefiltertem Sonnenlicht. Eine Katze streunt träge vorbei, der kleine Garten füllt sich rasch mit Gästen. Gut, dass wir einen Tisch reserviert haben. 
Die erste Freude: den Durst nach einem morgendlichen Lauf und Bad (an und in der Donau) mit Granitbier der kleinen Brauerei Hofstetten zu löschen. Eine Premiere: bisher kannten wir dieses Bier nur aus der Flasche. Bei Frau Josepha gibt es dieses bernsteinfarbene Köstlichkeit vom Fass. Und dazu noch als Alternative das ebenfalls sehr gute Bier des Stiftes Schlägl. 
Perfekte CI fällt auf: Kellnerschürzen, Aschenbecher, Speisekarte - alles hübsch mit dem Logo der Frau Josepha. Da könnte einem bang werden: wieviele alte Wirtshäuser wurden schon mit liebloser Konzept- oder Event-Gastronomie kaputt gestylt oder auf alternativ-fjuschn getrimmt? Aber das ist hier ganz und gar nicht der Fall. Die junge Wirtin ist eine richtige. Das Wirtshaus auch. Es wurde behutsam entstaubt und enttrödelt, mit schönen, weissen Lampen, grossen Holztischen und bequemen Stühlen ausgestattet. Sogar ein Sparverein, im Österreich das untrügliche Zeichen, dass Wirtshauskultur lebt, hat hier seinen Platz. An der Fassade leuchtet der "Goldene Hirsch", das Zeichen das alten Wirtshauses. Im modernen Anbau ist das Gästehaus. Schon der Eingangsbereich sieht gemütlich-edel aus.  Schade, dass ich nur ein paar Kilometer entfernt wohne. Hier, in dieser Oase, zu nächtigen, muss wunderbar sein. Die internationalen Gäste, viele Radtouristen, können es sich auch in einem Kräuter-Hausgarten mit Liegen gemütlich machen.  
Wir sitzen also im Gastgarten und wählen von der Speisekarte: 
Rindsuppe mit Eierschwammerlknödel
Die Knödel entpuppen sich als köstliche, gebackene Krapferl, von denen ich gerne eine grosse Portion ohne Suppe verdrücken würde. Die ausgezeichnete Suppe ist mit Frühlingszwiebelgrün aromatisiert, das mag ich gerne. Die Suppe war (durch die Brösel der Panier?) etwas trüb, was ihren Geschmack aber nicht beeinträchtigte und irgendwie auch zu einem Wirtshaus gehört ;-) 
Hühnerbrust im Speckmantel mit Tomatenreis und Karotten
H. war sehr angetan. Saftiges Fleisch. Der Speck war angenehm zurückhaltend, nicht zu würzig. Der fruchtig-süsse Tomatenreis - laut H. "sensationell". Karotten hätte es da nicht unbedingt noch gebraucht.
Schnitzel mit Kren und Senf gewürzt und mit Kürbiskern-Panier
Ich war skeptisch, aber diese für mich undenkbare Kombination schmeckte hervorragend, auch nicht zu würzig. Die Panier war perfekt und liess mich davon träumen, von diesem Koch mal ein puristisches Wiener Schnitzel zu geniessen. Der grüne Salat dazu hätte sich ein paar der schönen Küchenkräuter aus dem Garten in der für mich zu milden Vinaigrette gewünscht. 
H. ass noch Vanilleies mit Eierlikör, ich Mokkaeis pur, das als Begleitung zu Sauerkirschgratin gedacht war. Ein guter Abschluss.
Der weibliche Service (2 Kellnerinnen und die Wirtin) war umsichtig, natürlich und freundlich. Frau Josepha stellte sich einer kleinen Reklamation am Nebentisch ehrlich und unverkrampft, damit hat sie mich endgültig für sich eingenommen. 
Die uns angebotene Führung durch die schönen Räumlichkeiten nahmen wir nicht an, dazu war zu viel zu tun, wir wollten nicht stören. 
Und da war es wieder: das "La vita e bella"-Gefühl! Und es wurde auch durch die mehr als faire Rechnung nicht getrübt.
Ja, meine Genussplatz-Liste hat wieder eine Eintragung mehr. 

Kommentare:

  1. wir wissen ja, dass online-kommunikation (wie auch immer sie gerade heißen mag) großartig funktioniert.
    und dass du schneller dort warst als ich - weil quasi ums eck - hätte ich mir denken können. nach deinen erfahrungen bekommen ich gleich noch mehr lust auf einen tag sommerfrische.

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  2. Liebe Eline, so viele Österreich-Tipps, wie du mir gibst, kann ich wirklich kaum abarbeiten :-) aber ich versuche es....

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  3. Obwohl für mich zu weit entfernt, habe ich den Beitrag mit Freude gelesen. Schön, dass es immer wieder engagierte Menschen gibt, die bereit sind, viel Herzblut in Neues zu stecken.

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  4. Ich finde es auch so begeisternd, wenn man an allen moeglichen Kleinigkeiten die Seele, die dahinter steckt, spuert. Das ist so ganz anders als bei grossen, locker mit viel Geld finanzierten Betrieben, die immer irgendwie kalt wirken.

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  5. Liebe Eline, jetzt hat sich doch glatt ein Tränchen der Rührung in meinen Augenwinkel verirrt - Dein nettes Lob hat uns allen hier einen richtig schönen Tag beschert. Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob das eigene Kind gerade beim Elternsprechtag in der Schule vom Lehrer gelobt worden ist (stell ich mir zumindest so vor, mein einziges "Kind" bis jetzt ist ja dieses ziemlich Neugeborene namens Josepha...) Und beim nächsten Mal verspricht der Herr Peter in der Küche auch gerne ein Wiener Schnitzel ganz klassisch! Herzliche Grüße von der Frau Josepha!

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  6. Trop loin pour moi (Bruxelles), mais cela me donne tellement envie d'y aller.....un jour, un jour....merci pour vos excellents commentaires que je lis avec énormément de plaisir ainsi que les succulentes recettes.....bitte welches Stueck ist Kavaliersspitz auf franzoesisch??? oder englisch??

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  7. Bei der wundervoll ehrlichen Beschreibung hat man man glatt das Gefühl, dabei gewesen zu sein.
    Leider sind deine empfohlenen Lokalitäten, liebe Eline, so schrecklich viele Kilometer weit weg von mir.

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  8. Danke für den Tipp!
    Holger/Linz

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  9. katha, Robert, Isi, Suse -

    einfach aufs Rad schwingen und die Donau entlang -ist doch ganz einfach, oder?

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  10. Frau Josepha,

    die stolzgeschwellte Elternbrust ist mehr als berechtigt. Weiter so, würde die Frau Lehrer sagen.

    Und auf das 'Wiener Schnitzel-Angebot komme ich zurück - obwohl, diese Kren, Senf, Kürbiskern-Variante wäre auch noch mal was Feines!

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  11. Elisabeth,
    meine rudimentären Französisch-Kenntnisse (ich kann ganz gut Speise- und Weinkarten lesen ;-)) reichen nicht, um dir in deiner Sprache zu antworten. Ich kenne kein anderes Wort für den Kavalierspitz. Ich habe hier einen Link:
    http://www.ama-marketing.at/home/groups/6/teilstuecke/RIND40.SWF
    (Index - Kavalierspitz anklicken)
    Wenn du deinem Metzger das Bild zeigst, weiss er vielleicht, was der Kavalierspitz im französischen Fleischzuschnitt ist.

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  12. Stimmt eigentlich. Vorher muss ich nur an der Ilmenau, Elbe, Saale und Naab entlang bis ich zur Donau komme.
    Ist ja echt 'n Klacks...:o)

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  13. Grüß Gott Eline. Ich bin von einer Freundin in Facebook auf Ihren Blog hingewiesen worden. Mir gefällt, das was ich bisher gelesen habe. Sollte der Kavalierspitz dem dt. Schulterspitz entsprechen, dann ist das französische Pendant soweit ich weiß "Palette d'épaule".

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  14. "Paleron" ist möglicherweise die bessere Bezeichnung für den Kavaliersspitz.

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  15. muepuchried,
    vielen Dank - ich hoffe, Elisabeth liest das auch.

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  16. Ciao Eline! Falls du mal in die Gegend von Grafenegg kommst http://www.gasthof-haag.at

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