Gletscherwein für Ernst Krenek


Der Beginn einer grossen Freundschaft
Mein Beitrag zu lamiacucinas aktueller Weinralley.
Wir haben uns im Jahr 2008 im französischen Wallis in einem Crashkurs von 5 Tagen vorwiegend durch die autochthonen Weine des Spezialisten für alte, ursprüngliche Rebsorten, das Weingut Chanton in Visp gekostet. Diese Winzerfamilie war so entgegenkommend und hat in unser hoch am Berg gelegenes Domizil extra für uns ein paar Flaschen angeliefert. Dazu kamen noch ein paar aus der Weinkarte unseres bezaubernden, kleinen Chalet-Hotels.

Hotel "Belvedere" in Champex-Lac, Wallis
Meine romantische Hoffnung, einen echten Gletscherwein, wie aus den 30er Jahren zu bekommen, der vom Bergführer in Fässchen auf den Gletscher geschleppt und jahrzehntelang persönlich betreut wurde, hat sich nicht erfüllt (siehe die Krenek-Story am Ende des Posts). Heute nennen die Winzer vor Ort einen Wein auch Gletscherwein, wenn er auf Europas höchst-gelegenen Weinbergen (Visperterminen) auf rund 1000 m wächst. 2006 Heida, Gletscherwein Chanton, Visp, Wallis 14,6 % Rebsorte: Heida, auch Païen (Unterwallis), Savagnin blanc (franz. Jura) oder Traminer. Der Paradewein der Chantons. Ob er wirklich ein Traminer ist, konnten wir nicht erfahren, er schmeckt jedoch so. Ein sehr üppiger, aber durch Säure gestützter, ausgeglichener Geschmack. Buttrig, Duft nach Quitten und weißem Pfeffer. Die paar Flaschen, die wir mitgenommen haben, sind leider schon ausgetrunken. Ein fantastischer Wein! Ebenso gut hat uns der folgende Wein geschmeckt, der auch nur in dieser Region wächst: 2004 Lafnetscha Chanton, Visp, Wallis 13 % Rebsorte: Blanchier. Ein echtes Oberwalliser Gewächs. Vom Dialekt abgeleitet heisst "Laff-nit-scha" "trink noch nicht" oder "trink nicht zu jung!".Im Unterwallis oder in der Haute Savoie bekannt als "Gros Gouais", im Graubünden als Completer (wurde bereits 926 in Malans angebaut). Jahrgangsbedingt schon harmonischer als der Haida, Duft nach Holler und Lindenblüten. Frisch und gefällig, passend zur Rösti mit Räucherlachs und Schnittlauchsauce, war der 2006 Himbertscha Chanton, Visp, Wallis 11,4 % Die Rebsorte ist unbekannt. Der Name wird abgeleitet von "im bercla" - la bercla - Pergola. Galt praktisch als verschollen. Auf der Suche nach ursprünglichen Sorten von Josef-Marie Chanton entdeckt. Wird von ihm weltweit einmalig kultiviert und seit 1984 angepflanzt. Duftet nach Mangos undund schmeckt nach grünen Haselnüssen. Weitere seltene Rebsorten (alles von Chanton), die wir verkostet haben, erwiesen sich als "interessant", aber nur vor Ort zu trinken: 2006 Resi (Reze, der Ur-Wein des traditionellen Gletscherweins) eine "resche" Angelegenheit, könnte ein Wiener "Brünnerstrassler" sein, ein Weißwein, leicht im Alkohol, säurebetont. 2006 Eyholzer Roter Rebsorte: Hibou. Diesen Wein kann man nur lieben oder ablehnen, daher nennt ihn der Winzer auch "charaktervoll". Er ist sehr begehrt. Den versprochenen Duft nach Bergveilchen und Hmbeeren habe ich nicht gerochen. Ein "hantiger" Wein, viel Säure und Tannin, unharmonisch. Fazit: eine ähnliche Sortenvielfalt und Liebe zu traditionellen Reben kenne ich nur aus dem Friaul.
Und jetzt kommt letztlich noch Ernst Krenek und der "echte" Gletscherwein ins Spiel:
Der Österreicher Ernst Krenek war nicht nur ein hervorragender Komponist, er war auch ein sehr begabter Schriftsteller und Chronist. Dazu noch Genießer und Weinkenner. 1924 flüchtete er vor dem despotischen Regime seiner Schwiegermutter Alma Mahler in den Wallis nach Siders. Von Küche und Wein im Wallis war er besonders angetan. So kam Krenek auch in den Genuß des mythenumwobenen Gletscherweins. Gletscherwein ist gespriteter Weißwein, eine Art Schweizer Sherry. Damals überwiegend aus der Rebsorte Resi mit kleinem Zusatz anderer alter Schweizer Rebsorten in Lärchenholzfässern ausgebaut. Der Gletscherwein hat eine ganz besondere und faszinierende Entstehungsgeschichte, die Krenek in seinen Memoiren so erzählt:
"Es gab viele Sorten Weißwein, vom anspruchslosen Fendant bis zu dem extravaganten und üppigen Hermitage und dem Vin des Paiens, dem "Wein der Heiden", der von den höchsten Weinbergen der Schweiz in der Nähe von Viège kam. Der ungewöhnlichste war der "Gletscher", der "Gletscherwein", der vierzig Jahre und länger in Fässern unter dem Schnee ferner Gletscher aufbewahrt wurde, unter der ständigen Aufsicht von Bergführern, die von Zeit zu Zeit den Inhalt der Fässer prüften, Wein eines jüngeren Jahrganges zusezten oder das wertvolle Naß auf andere Weise hegten und pflegten. Auf den Etiketten der teuren Flaschen konnte man ihre Unterschriften sehen." (Zitat aus: Ernst Krenek, Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die Moderne, S 443, Hoffmann und Campe 1998) 
 

Kommentare:

  1. Danke Eline für deine tolle degustatorische Zusammenstellung von Spezialitäten von Oskar Chanton. Ich wollte den Heida von Chanton erst auch noch mitnehmen, die Zeit hat aber nicht gereicht, ihn zu bestellen. Den Ursprung des echten Gletscherweines kannte ich übrigens nicht. Internet bildet. LG

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  2. Hallo Robert,
    hast du heute nicht schulfrei?

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  3. Ihr Weinrallye-Teilnehmer habt mich heute in eine mir völlig fremde Weinwelt entführt. Noch ist nicht alles bei mir richtig sortiert, aber auch du hast mir Lust gemacht, etwas weiter zu stöbern und mir ein paar Weine aus der Schweiz zu besorgen. Danke auch für die tollen Infos um den Wein herum.

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  4. Doch, aber es gibt "höhere" Verpflichtungen :-)

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  5. Häufig sind "exotische" und rare Weine nur interessant, weil sie exotisch und rar sind.
    Heida ist ein Spitzenwein im internationalen Kontext.
    (wer Experten in Blindverkostungen verwirren möchte, take Heida).

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  6. Hey Eline,

    ich war sehr erfreut, diese Exoten von dir vorgestellt zu bekommen. Danke.
    Bei mir um die Ecke (in Hamburg Ottensen) gibt es ein Schweizer Restaurant. Nach dieser Wein Rally bin ich neugierig geworden: und tatsächlich neben Fendant und Kumpanen werden auch Chanton-Weine angeboten und sogar im Online-Shop verkauft.
    Falls du mal wieder Lust auf Heida hast www.schweizweit.de

    Liebe Grüße
    marie

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  7. Vielen Dank Marie, das ist eine tolle Bezugsquelle. Eine Flasche Heida hab ich noch im Keller gefunden. Bald ist er ja wieder lieferbar, dann schlag ich zu.

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