Wie wird man kochverrückt ?- Nachlese

Dieses Thema weckt erfreulicherweise immer noch Interesse.
Heidi hat dazu einen witzigen Kommentar geschrieben und die Palette der Definitionen noch um den Begriff des Alzheimer-Kochs erweitert. Da sich ihr Kommentar nicht nur an mich sondern auch an andere Kochverrückte richtet, hole ich ihn aus der Versenkung:
Komme etwas spät damit - habe ich aber leider jetzt erst gefunden. Ich weiß nicht mehr wer diesen Ausspruch tätigte: "Genie und Wahnsinn liegen dicht nebeneinander." Ver-rückt = Abweichung von der Norm. Kochverrückt: ist für mich einerseits die schleichende Entwicklung vom Dilettanten zum Amateur, von diesem zum Koch aus Leidenschaft. Zum Anderen die besondere Zusammensetzung aus Intuition, Kreativität, Leidenschaft und Genialität, gepaart mit dem stetigen Streben nach Perfektion. Hmm - nur eine Gattung ist hier nicht aufgezählt: der/die Alzheimer-Koch (Köchin). Dazu zähle beispielsweise ich. Überall herumschnuppern und anregen lassen, unbekümmert kombinieren, abschmecken, dem eigenen Gusto anpassen - es wunderbar und herrlich hinbekommen - um dann (aus Prinzip, Faulheit, Vergesslichkeit????) nichts aufzuschreiben. So bleibt man kochender Weise einzigartig, weil man sich nicht einmal selbst reproduzieren kann. Sehr oft nicht gut - aber auch ein Vorteil - genau so steht das gleiche Gericht nie wieder auf dem Tisch. Bin ich jetzt vielleicht ein Semi-genialer-koch-Ignorant? Auch damit kann ich sehr gut leben, zumal es immer weniger gibt, die "nur" mal eben eine wirklich delikate Hausmannskost auf den Teller bringen können. Das mache ich einfach mal so aus dem "Handgelenk" und ohne Nachschlagewerk. Bei Vielen schmeckt man dies aber auch all zu deutlich. Besser wär's sie hätten nachgelesen! Schlimm in "Gaststätten", wo diese kochtechnischen Bruchlandungen auch noch bezahlt werden müssen. Paradebeispiele sind für mich ein wirklich guter Rotkohl oder Sauerkraut... Es ist nicht alles einfach, nur weil es danach klingt. Das macht für mich den entscheidenden Unterschied zum schnöden, leidenschaftslosen "Dosenöffnen" aus und kann sehr wohl schon "gehobene Küchenkunst" darstellen. Meine Bewunderung in den Kochblogs geht weit über das eigentliche Rezept hinaus. Es ist die Präsentation in Wort und Bild. Da kann sich so manches Kochbuch eine dicke Scheibe von abschneiden, was hier an Ideenreichtum zu Tage kommt, um das Ergebnis auch ansprechend zu präsentieren. Das kann man (glaube ich) nur entsprechend würdigen, wenn man um die "Tricks" der Food-Fotografen im professionellen Bereich weiß. So manches Produkt würde ich, derartig aufbereitet, im Anschluss nicht mehr essen wollen. Das kann wohl keinem von Euch passieren. Mal abgesehen davon: Wenn ich Eure Begleittexte lese, würde ich mir wünschen, dass mal jemand dies als Kochbuch herausgibt, weil dies oft an persönlicher Note einfach nicht zu übertreffen ist, zudem nicht so sehr nach schwerem, sterilen Küchenlatein klingt und durchaus einen wahrhaft köstlichen Unterhaltungswert zu bieten hat. Ich finde es nur schön, dass es Euch "Kochverrückte" überhaupt gibt. "Normal" sollte doch beinahe Jeder können, dem nicht sämtliche Leidenschaft und Phantasie in die Fertigabteilung gefallen ist... LG Heidi

Kommentare:

  1. Wie mathematik-verrückt?
    Die Spirale der mathematischen Innovation: ich beginne mit einem kleinen Satz von mathematischen Wissen (Axiome+Sätze = Zutaten+(Zwischen)Gerichte) und nehme ein paar zusätzliche Ingredienzien der Mathematik, spiele mit ihnen herum ("rechne" = "koche") und entdecke "sinnvolle" Zusammenhänge. Wenn ich deren Formulierung (Sätze = Gerichte) beweisen kann (Rezepte die unzweifelhaft zu schmackhaften Gerichten führen) kommen sie in die Wissensbasis, und mit dem nun reichhaltigeren Wissen spiele ich herum ..... und so fort. Und wie in der Mathematik wächst das Gesamtwissen, es entwickeln sich Strömungen, Teilgebiete ....
    Nur theoretisieren, geht nicht.
    Nur ausprobieren schon gar nicht (explosive Anzahl von Kombinationen).
    Das ist auch der Grund, warum Köchinnen auch geschmacks-sichere Esserinnen sein müssen (die wirklich guten sind es auch).

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  2. Das ist ja ein schöner Text! Dem ist auch eigentlich gar nichts hinzuzufügen - ich bin froh, Eline, dass Du ihn noch einmal hervorgeholt hast, die erste Diskussion um dieses Thema ist an mir völlig vorbeigegangen. Und ich freue mich, dass anscheinend die Nicht-Reproduzierbarkeit des eigenen Tuns unter diesem Aspekt zur Auszeichnung gereichen kann!
    Ich bin Alzheimer!

    Schade, dass Google damit nicht klarkommt, und den geneigten Lesern gleich Therapien im Bereich Demenz anbietet ;)

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  3. ...mit anderen Worten, man(n)/frau sollte mit herz bei der sache sein. ich finde heidi setzt dem ganzen noch ein i-tüpfelchen auf. und wieder kann ich dazu nur sagen, an den kochenden Bloggern sollten sich so manche meiner Kollegen ein beispiel nehmen.

    LG Andy

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  4. Das Alzheimer-Kochproblem kenne ich auch, aus einem etwas veränderten Zusammenhang-da gibt es Gerichte, die man liest, nachkocht und die aus irgendwelchen Gründen auch immer, ein solcher Erfolg werden, dass sie eine Zeitlang ständig und immer nachgefragt und zubereitet werden. Damit optimiert sich natürlich das Rezept, weil es sich(um mathematisch zu formulieren) asymptotisch dem persönlichem Gusto annähert. Irgendwann aber verschwinden diese "Modegerichte" wieder, sie ein Jahr später zu rekonstruieren fällt schwer.

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  5. @Herbert
    Nur theoretisieren geht nicht - du kennst das Menüforum des Chefkochs nicht, da werden eifrig Menüs "gebastelt", die nie gekocht werden, nur um des Bastelns Willen.

    @Arthurs Tochter
    Ja, es wird schön langsam unübersichtlich im Küchentanz. Ich lege gerade ein Inhaltsverzeichnis an, das dauert aber noch etwas.

    @Andy
    Auch wenn sie, wie du, mit Herz bei der Sache sind: die Anforderungen an Profiköche sind ja doch sehr viel höher, was Stress und Zeitdruck betrifft. Daher ist die Situation schwer vergleichbar.

    @duni
    "Modegerichte" - ich nehme an, du meinst private und nicht die der Profis? Wenn ich so meine Rezepte, die ich seit ca. 7 Jahren archiviere, ansehe - da gibt es einiges an Moden, die ich heute nicht mehr kochen möchte - reproduzieren könnte ich sie aber problemlos.

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  6. Ich meine Rezepte, die man aus irgendwelchen Gründen auch immer in bestimmten Zeiträumen häufig kocht, bis sie optimiert sind, sich aber natürlich nichts dazu notiert. Dann verschwinden diese Rezepte und lassen sich irgendwie nicht mehr rekonstruieren. Aber im Prinzip zeigt das nur mal wieder mehr, wie wichtig auch im privaten Bereich Planung und Notizen sind.

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  7. Manche meinen ja, nach der Molekularküche kann es, in diese Richtung, nichts mehr geben; sie hat das Kochen an die theoretische Wand gefahren?
    Ich: es wird. Kochverrückte werden dafür sorgen.
    Ich weiss nur nicht was?
    Wüsste ich es, würde ich stinkreich.
    (Die Nanoküche vielleicht?)

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  8. @ Herbert: Auf die wissenschaftlich-mathematische Grundlage gestellt klingen die Betrachtungen noch viiiiiel schöner...
    "Explosive Anzahl von Kombinationen" - wie schöööön... (darunter leide ich also - wissenschaftlich betrachtet)
    @ Duni: präzise erfasst, was ich gemeint habe - ohne Notizen entweder ständig eine neue Erfindung von Bekanntem oder aber beständig "verplant" (so wie ich zum Beispiel - darum auch Alzheimer-Köchin).
    @ Eline: vielen lieben Dank für die Veröffentlichung. Meine Meinung zum Kochen können spiegelt sich aber auch in Deinen Beiträgen: "Ambiente gehört zum Genuss" wieder.
    Ich bin da viel lieber vergesslich, aber Geschmackssicher, als mit Möchtegern-Ansprüchen behaftet, die nicht mal den Grundansprüchen an gutes Essen standhalten können.
    Vielen lieben Dank an alle, die sich vorstellen können, worauf sich meine bescheidenen Kochkünste begründen... ;-)
    Naja eben doch: Semi-professioneller-koch-Ignorant! Macht mir aber nichts aus... Zur Inspiration habe ich ja Euch.
    Danke.

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  9. Nee - also wirklich...
    jetzt habe ich doch glatt die letzte Zeile vergessen.
    Braucht es noch mehr Beweise meiner Schusseligkeit?
    Hier also nachgereicht:
    Viele liebe Grüße an Alle
    Heidi

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  10. Keine Angst, Heidi - ich habe dich auch als Anonym erkannt ;-)

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  11. Herbert, ich glaube, die Weiterentwicklung der Küche wird nie aufhören. Was die Molekularküche angeht, so sehe ich die Diskussion um diese ein bißchen wie die damalige Auseinandesetzung um die Nouvelle cuisine: Die wurde vom Volksmund auf "kleine Portionen ,rohes Fleisch und hartes Gmüs" reduziert und von Dummköchen auf babybreiartige Pürees, alberne Saucendialoge ,Tellerikebana. Ein Gericht wie elines heutiges posting,das zarte Roastbeef mit Beeten zeigt aber, was damals positives geleistet wurde und was heute selbstverständlich zu unserem Erfahrungshorizont gehört. Auch von Ferran Adria wird vieles von der Zeit und dem Zeitgeist überholt werden, das spielt keine Rolle, aber ich denke schon, dass auch bleibendes geschaffen wurde.
    Ich habe mir vor einger Zeit Adrias Werkkatalog aus der Zeit bis ca. 2000 ausgeborgt und war erstaunt von der Art und Weise, wie seine Teller aufgebaut und angerichtet waren-so sehen sie heute fast alle aus, die Gerichte in den tonangebenen Restaurants, den einschlägigen Publikationen.

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  12. @duni und anonym?
    Kombinatorik. Nicht nur aktions-getriebene-alles-in-die-Pfanne-was-ich-habe Hobbyköchinnen. Im Gegenteil.
    Bei Obauer (4Häuber in Werfen, AT): Stubenküken gedämpft, asiatische Gewürze, Germknödel mit Grammeln-von-der-Hühnerhaut gefüllt in Mohn und Butter geschwenkt, Fisolen. Auf einem Teller!
    Auf dem Weg von meinen Geschmacksknospen ins Gehirn eine einzige Revolte: nieder-mit-den-Kombinatorikern.
    Molekularküche. Dort wird die Luft besonders dünn und die sich verbreitende Stümperei besonders offensichtlich? "Dekonstruktion" ist ein sehr komplexer Prozess.
    Übrigens, ich würde uns Mathematikern ein Manifesto vorschlagen. Wir sollen nur Gerichte (Theoreme) entwickeln, die essbar und verdaubar sind und die Realität nicht hinter die Eleganz der Mathematik stellen.
    Und Profi-Köchinnen ....

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  13. Was mich an Adrias Küche am meisten fasziniert: die Liste aller Gerichte und Kombinationen im Buch - 2003, die NICHT auf der offiziellen Speisekarte gelangt sind. Eine unglaubliche experimentelle Leistung!

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